Weingut Robert Weil

Weingut Robert Weil Die Jahrgangsprobe auf Weingut Robert Weil ist immer spannungsgeladen, und nach einem Jahrhundertsommer lag vor allem die Frage auf dem Verkostungstisch, wie die Kiedricher Berglagen die wärmste Vegetationsperiode seit Beginn der Aufzeichnungen überstanden haben. Jetzt ist klar: Der Kiedricher Berg kann auch mediterran. Wie immer, so heißt es im Jahrgangsbericht, gehörte Weil zu den ersten Erzeugern, die mit der Lese begannen, und gehörte zu den letzten, die damit aufhörten. Am Ende wurden alle Qualitätsstufen bis zur TBA mit 274 Oechsle geerntet, und das bei einer guten Erntemenge, die Defizite der kleinen Vorjahresernten kompensierte. Ran an die Gläser: Die Visitenkarte sind immer die beiden QbAs, in der Literflasche und in der 0,75er. Sofort fällt auf, welche extrem klare Frucht die 2018er aufweisen und wie fein und elegant sich die Säure einbindet. Erstaunlich auch, und keine Weil-Besonderheit: die 2018er schmecken durchweg sensorisch süßer, als sie analytisch daherkommen. Da habe ich mich schon einige Mal schwer verschätzt. Ein idealer Jahrgang also, um furztrockene Weine zu erzeugen, die nicht so schmecken… Leider hat nicht jeder Winzer diese Chance erkannt oder genutzt. Weil schon. Der 2018er Kiedricher ist ein hervorstechend rassiger Wein mit hoher Finesse und von großer Strahlkraft. Ein Ortswein wie er sein soll mit phänomenalem Preis-Leistungs-Verhältnis. Sehr geschliffen, feinfruchtig, elegant, und doch gutem Zug am Gaumen. Vor allem auch Trinkfluss! Dann die drei Berglagen: 2018 Klosterberg, Turmberg, Gräfenberg. Nach inzwischen zehn Jahren hat Weil den Klosterberg voll im Griff, und der Wein ist jetzt ein Vollmitglied im Trio der Berglagen und kein Ausnahmetalent mehr. Wie gewohnt zeigt der Klosterberg aber wegen seines Terroirs mit Löß und Lehm mehr erdige, würzige Noten als der Turmberg, der im Frühjahr jeden Jahres wegen seiner Finesse und fortgeschrittenen Zugänglichkeit für mich immer der strahlendste trockene Weine. Ein Wein voller geschliffener Eleganz mit kühlem Zug am Gaumen, großer Trinkfluss! Spitze! Gräfenberg hingegen die verschlossene Majestät, in sich ruhend, noch wenig nach außen zeigend außer Substanz, Dichte und Komplexität, die sich erst entfallen müssen. 2018 Tradition: ein Saufwein wie er im Buche steht, saftig, süffig, unendlicher Trinkfluss an einem Sommertag auf der Terrasse im Gespräch mit guten Freunden. Für mich hat der „Tradition“ eindeutig den Vorzug vor dem noch süßeren Kabinett, der aber vielleicht auf lange Sicht mehr Eleganz verspricht. Wer weiß? Dann die Spätlesen, Turmberg und Gräfenberg als süße Wucht auf der Zunge, klar wie Quellwasser, ein Früchte zum Reinbeißen, so dass der Saft die Mundwinkel runterläuft. Klasse. Jetzt trinken oder 10 Jahre liegen lassen, eher Turmberg als Gräfenberg… wegen der Süße… Über die Auslesen, die Gräfenberg BA und TBA will ich hier keine weiteren Worte verlieren. Typisch Weil, unsterbliche Edelsüße voller Honig, Karamell, feiner Würze, Akazie… Würde sie gern in eine Zeitmaschine schicken und 20 -30 Jahre gereift trinken. Ganz sicher dann Weine zum Niederknien.

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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