Rheingauer „Exoten“- Probe

Rheingau ist Rieslingland. Knapp 79 Prozent der 3200 Hektar Rebfläche sind mit Weißem und Rotem Riesling bestockt, hinzu kommen mehr als 12 Prozent Spätburgunder (alle roten Sorten zusammen bringen es auf 14,5 Prozent). Und der Rest? Spielt bei Weiß oder Rot kaum eine Rolle.

Weißburgunder bringt es als zweitplatzierter Weißwein immerhin auf 1,6 Prozent, Müller-Thurgau (immer noch) auf ein Prozent, wobei diese Geisenheimer Züchtung (Professor Müller aus Thurgau!) im Rheingau kaum noch sortenrein als Flaschenwein zu finden ist. Er geht meist in Federweißen oder in Weiße Cuvées, vermutlich ich mal ganz stark. Es folgen Grauburgunder (0,9 Prozent), Chardonnay (0,7 Prozent) und Sauvignon blanc (0,5 Prozent). Die Rebsortenentwicklung des Weinbauamtes zeigt, dass sich am Riesling-Profil wenig zu ändern scheint. Doch der Klimawandel (Risiko-Diversifizierung durch versuchsweisen Anbau mediterraner Rebsorten) und das Verbraucherverhalten („Bitte einen Wein mit weniger Säure!“) führen dazu, dass viele Winzer (aber längst nicht alle, bsp. Weil, Schloss Vollrads, Schloss Johannisberg u.a.) auch Alternativen zum Riesling anbieten. Sie standen im Mittelpunkt einer kleinen, aber sehr interessanten Blindprobe der Weinloge „Die Kranenmeister zu Oestrich im Rheingau“

2018er Weißburgunder (im Rheingau 50 Hektar):

Weingüter Flick, Laquai, Kaufmann, Staatsweingüter

Sehr interessant, weil sich die Stilistik von Laquai und Kaufmann stark von der von Eberbach und Flick unterschieden hat. Ich war klar auf der Seite der beiden erstgenannten und votierte für Laquai, aber eine ganz knappe Mehrheit sprach sich für Flick aus. An Laquai schätzte ich die Klarheit, Prägnanz, den deutlichen (aber nicht übertriebenen) Holzeinsatz und daraus folgend dessen cremige Eleganz.

2018er Sauvignon blanc (im Rheingau 15,5 Hektar!)

Weingüter Hanka, Prinz, Jakob Jung, Künstler

Allesamt als rebsortentypisch erkannt. Hanka eher schlank und feinfruchtig, Prinz den Gaumen absolut fordernd und auch polarisierend („Katzenpisse“?!?), Jung mit Harmonie und Finesse sowie (zu) markanter Säure, Künstler tendenziell fett, dick, voll. Jung hatte die Nase vorn, mein Favorit war aber Künstler trotz des machtvollen Auftritts am Gaumen. Aber das geht anderswo in Europa – und auch in Deutschland – noch viel besser!

2018er Grauburgunder (im Rheingau 28 Hektar)

Weingüter Von Oetinger, Staatsweingüter, Georg Breuer, Schloss Reinhartshausen

Einfach nicht meine Rebsorte, obwohl der Auftritt aus dem Hause Breuer durchaus bemerkenswert gut war. Sehr opulent, cremig, langer Nachhall. Mit meiner Meinung war ich aber fast alleine, denn der Auftritt der Staatsweingüter überzeugte die große Mehrheit – wiewohl –zugegeben- das ein Wein der Domäne Bergstraße aus dem Heppenheimer Centgericht war, ausgebaut im Rheingau. Ich mochte Ruländer früher nie, bestellte später so gut wie nie einen Pinot Grigio, wenn es sich vermeiden lässt, und werde auch kein Grauburgunderfan… wiewohl der Wein im Einzelhandel wie geschnitten Brot läuft und der Renner ist. Tja.

Chardonnay (im Rheingau knapp 21 Hektar)

Weingüter Künstler (2018), Flick (2017), Staatsweingüter (2016), Chat Sauvage (2017)

Ich würde unter den Exoten fast immer zum Chardonnay greifen, und stoße bisweilen auch auf interessante Weißburgunder-Chardonnay-Cuvées (Jakob Jung, Kaufmann), doch in Reinkultur ist er mir am liebsten und – wenn er gelingt – ein Kronzeuge des Klimawandels im Rheingau. Mein Favorit war der Chardonnay von Chat Sauvage, während die Mehrheit – und das kann ich gut verstehen – in der Blindprobe Künstler bevorzugte. Der Staatsweingüterwein kommt aber ebenfalls gut an, auch wenn der Holzeinsatz alles andere als dezent ist.

Fazit: 16 Exoten zwischen 8 und 18 Euro, mit denen die Weingüter bei vielen Kunden punkten können. Generell sind mir zu viele dieser Weine (nicht die verkosteten) zu lieblos als „säurearme Weißweinvariante“ ausgebaut, ohne den Anspruch zu haben, daraus wirklich etwas Besonderes machen zu wollen. Ein markantes Profil wird der Rheingau als Weinregion auf lange absehbare Zeit nur über den Riesling – und sehr einschränkt über Spätburgunder – bewahren können. Und es gibt ja einen großen „Instrumentenkasten“, um auch mit dieser Rebsorte dem Klimawandel begegnen zu können. Doch darüber bald mehr. An dieser Stelle.

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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