VDP. Grosses Gewächs.

Kurz vor dem offiziellen Verkaufsstart am 1. September haben die knapp 200 VDP-Mitgliedsbetriebe ihre trockenen Spitzenweine vorgestellt. Nicht nur Weine, die aus Deutschlands Paradesorte Riesling gekeltert wurden, sondern auch weiße und rote Burgunderweine, Silvaner und Chardonnay. Insgesamt immerhin 464 Weine aus allen 13 deutschen Anbaugebieten, die in knapp 400, als „Große Lage“ klassifizierten, Weinbergen herangewachsen sind. Die Wiesbadener Kurhauskolonnaden haben sich als idealer Verkostungsort erwiesen. Wer nach dem Jahrhundertsommer 2018 jede Menge Jahrhundertweine erwartet hatte, wird allerdings ernüchtert sein. Es scheint, dass längst nicht alle Weine die Hitze und Dürre gut verkraftet haben. Offenbar hat der Trockenstress der Rebpflanze in manchen Weinen zu einem Geschmacksfehler geführt: UTA. „Untypische Alterungstöne“ gelten in Jahren mit geringen Niederschlägen und hoher Sonneneinstrahlung als besondere Gefahr für die Weinqualität: Bitter, stumpf und überlagert. Fazit: Es gibt weniger überzeugende Spitzenweine, als viele Kritiker erwartet und als die Weinfreunde erhofft haben. Bemerkenswert ist, dass Winzer zunehmend den Weinen noch mehr Zeit geben wollen, ehe sie den Weg zum Kunden nehmen dürfen. So haben die Rheingauer Weingüter Barth, Allendorf, Leitz, Schloss Vollrads und Barth erst jetzt ihre „Großen Gewächse“ des Jahrgangs 2017 vorgestellt. Die 2018er dürfen in Fass oder Flasche noch weiter reifen. Salwey hatte gar Grau- und Weißburgunder des Jahrgangs 2016 nach Wiesbaden geschickt. Reife vor Aktualität. Gut so.

Auch wenn die VDP-Weingüter nur für drei Prozent der deutschen Weinerntemenge stehen und mit 5300 Hektar nur rund fünf Prozent der deutschen Rebfläche bewirtschaften, so haben sie im Hinblick auf Marketing, Preisbildung und Renommee für den deutschen Wein eine besondere Bedeutung. VDP-Weingüter sind mit 26,5 Hektar Rebfläche überdurchschnittlich groß, und ihr Anteil am Umsatz von deutschem Wein liegt rund 50 Prozent über dem Flächenanteil.

Den Spitzenweinen, den Großen Gewächsen, kommt dabei besondere Bedeutung zu. Für sie werden durchschnittlich immer 32 Euro je Flasche aufgerufen. Sie erreichen einen Umsatzanteil von 15 Prozent bei einem Mengenanteil von nur fünf Prozent.

Ich habe diesmal mit der Region Mittelrheintal begonnen und war von Matthias Müllers packender „An der Rabenlei“ sehr begeistert. Ein Wein mit Zug und Finesse. Nicht minder beachtenswert „Im Hahn“ von Toni Jost, so darf und muss Mittelrhein-Riesling vom Feinsten schmecken.

Als Badener liegt mir natürlich immer das Ländle am Herzen. Stiglers „Winklerberg Winklen“ ist ein majestätischer Kaiserstühler mit Zug, Würze und Kraft. Da kommen Seeger (Herrenberg Oberklamm) und Andreas Laible (Plauelrain Am Bühl) zwar nahe dran, aber eben nicht ganz. Aus Württemberg gefiel mir der straffe, spontanvergorene „Stinker“ aus der Lage Steingrüben von Dautel am besten. Hochachtung aber auch für den Verrenberg von Hohenlohe-Oehringen und für Aldingers „Gips Marienglas“… Sehr gut auch Karl Haidles Pulvermächer: straff, präzise, würzig auf dem Punkt.

Einzelkämpfer von Saale-Unstrut ist immer Pawis, den ich aber umso mehr schätze und liebe, und der Edelacker Riesling macht das keine Ausnahme! Top! Von der Bergstraße kommt wieder das Centgericht der Staatsweingüter in Form eines Grauburgunders: voll, konzentriert, gut. Ebenfalls ein Grauburgunder kommt von Schloss Proschwitz in Sachsen, gefällt mir noch einen Tick besser als der Bergsträßer. Zurück zum Riesling: Unter den fränkischen Vertretern mochte ich Fürsts Centgrafenberg und Ludwig Knolls „Stein“ am liebsten. Und ja, ich habe auch noch ein paar Rheingauer (nicht alle) probiert und mich auf den unteren Rheingau konzentriert. Künstlers Rottland und Wegelers Schlossberg, nebst Rothenberg, haben mich am meisten überzeugt. Und einen Wein rufe ich zum Tagessieger aus, weil der mich mit seinem Trinkfluss, seiner Tiefe, seiner Finesse und seine Eleganz so begeisterte, dass es meiner Ansicht zwar auch anders, aber nicht besser geht: August Kesseler: 2018 Lorchhäuser Seligmacher Riesling VDP.GG. Ein Wahnsinn!  #vdpgg2019

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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