Weintagebuch

Wein-Berg-Haus

Das putzige Weinberghäuschen von Diefenhardt am Waldrand oberhalb von Martinsthal habe ich von der B42 schon oft gesehen, war aber nie dort zu den raren Gelegenheiten, wenn es mal geöffnet war. Nun ist es an den Wochenenden regelmäßig bewirtschaftet! Augen auf, ob die Fahne davor weht… dann ist offen, also nichts wie hin. Ein schöner Aufstieg auf 250 Meter N.N. lockt mit dem Vorzug eines großartigen Blicks auf den vorderen Rheingau. Ein Hauch von alpinem Flair. Und nach dem lohnenswerten Aufstieg schmeckt der Diefenhardt 2018 Blanc de Noir trocken wunderbar süffig. Eine Bereicherung für den Rheingau, also hingehen!

Ein Hoch auf Hochheim

Das Hochheimer Weinfest feierte schon seinen 70. Geburtstag, und es scheint mit seinen 7 Bühnen und den vielen Weinständen noch immer quicklebendig. Sein Vorzug: In Hochheim beteiligt sich alles, was Rang und Namen hat, also auch die Weinschmecker-Betriebe Dorotheenhof und Mitter-Velten, aufstrebende Newcomer wie das Weinegg, sogar Schönborn hat seinen Hochheimer Hof geöffnet, dazu die VDP-Betriebe Domdechant Werner und Künstler. Ein ausgedehnter Gang durch Altstadt und Weinberg kann also anstrengend sein. Mein „Festwein“ fand sich aber schnell: Künstlers 2018 Hochheimer Stielweg Alte Reben trocken VDP.1. Lage: Stoffig, mineralisch elegant, guter Zug, Trinkfluss!

Weinelite beim Billigheimer

…so hatte ich meinen vielfach in sozialen Netzwerken geteilten Kommentar in der FAZ überschrieben, und die Reaktionen auf den Vertrieb eines vom Rüdesheimer VDP-Weingut Leitz erzeugten süffigen Rheingauer Alltagsweins zum Preis von 6,99 bei Aldi Süd zeigte wieder einmal allerlei Aufgeregtheiten. Weder habe ich Verständnis dafür, dass einem Winzer wie Leitz gewissermaßen Betrug unterstellt wird (durch Zweifel an der Erzeugerabfüllung) noch für jene Weinsektierer, nach deren fundamentalistischer Ansicht es ohnehin nur handgemachte Weine kleinster Manufakturen mit 0,1 Gramm Restzucker, am besten natural, orange, bio, öko und was sonst noch geben dürfte. In jedem Fall keine Weine für unbeschwerten Weingenuss…

Aber für alle, die diesen Blog den sozialen Netzwerken vorziehen, hier nochmal der Text aus der F.A.Z.

Weinelite bei Billigheimer

Die seit einiger Zeit zu beobachtende Aufrüstung der Weinregale im deutschen Lebensmittel-Einzelhandel spiegelt die wachsende Bedeutung des Marktes wider. Beim Wettbewerb mit dem Lifestyle-Produkt Wein will kein Händler zurückstehen, denn es bietet die Chance der Profilierung und Abgrenzung. Manche Weinabteilung bei Rewe stellt nach Auswahl und Qualität inzwischen sogar spezialisierte Fachhandelsgeschäfte in den Schatten. Der bedeutendste Weinhändler aber ist Aldi, über dessen Theke in Deutschland jede vierte Flasche Wein geht. Aldi bleibt dabei seiner Strategie treu, größtmögliche Qualität zum niedrigstmöglichen Preis anzubieten. Die Kooperation mit dem Rüdesheimer Johannes Leitz ist vor diesem Hintergrund ein gelungener Coup. Rund sieben Euro für einen Rheingauer Riesling, hinter dem nicht – wie bei Günter Jauch – nur ein imageträchtiger Name steht, sondern das uneingeschränkte Qualitätsversprechen eines deutschen Spitzenwinzers, das ist neu. Und es ist ein für beide Seiten lukratives Geschäft. Dass damit auch der VDP-Adler, das geflügelte Qualitätssignet der selbsternannten deutschen Weinelite, im Aldi-Regal gelandet ist, findet nicht jeder Leitz-Kollege und Prädikatswinzer gut. Der VDP sähe es lieber, wenn diese Weine zu höheren Preisen in Verkaufsstätten offeriert würden, die nicht das Image des Billigheimers haben. Doch Preisvorgaben eines Verbandes verbietet schon das Kartellrecht. Und Aldi ist für Leitz ein verlässlicher Partner. Ärgern werden sich vielleicht auch jene kleinen Familienbetriebe im Rheingau und darüber hinaus, die mühsam um jede kleine Preiserhöhung für ihren Wein gegenüber den kritischen Privatkunden kämpfen. Diese Kunden können nun auf den VDP-Wein eines Spitzenwinzers zum Kampfpreis verweisen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn Aldi Süd in den Filialen die Masse seiner Weine für unter drei Euro je Flasche losschlägt, dann ist ein mehr als doppelt so teurer Rheingauer Riesling ein Signal an die Masse der Aldi-Kunden, dass Riesling aus deutschen Landen etwas Besonderes ist. Aldi senkt zudem die Hemmschwelle für jene, die immer noch meinen, auf einem Weinetikett müsse vorzugsweise „Chateau XY“ oder „Pinot Grigio“ stehen, damit man ihn ohne die Gefahr einer Blamage selbstbewusst vor Freunden öffnen darf. Vielleicht gewinnt der deutsche Wein auch auf diesem Weg in den zurückliegenden Jahren verlorene Regalplätze bei Discountern und im Lebensmittelhandel zurück. Ein Wein über fünf Euro ist für Aldi-Käufer schon ein Premiumprodukt. Wenn er mit dem Kauf eines Leitz-Weines lernt, dass nicht nur ein Brunello in diesen Preisregionen sein Geld wert ist, dann ist das zumindest für den Rheingauer Riesling insgesamt ein Gewinn. (F.A.Z. vom 12.Juli)

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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