Sehr viel, sehr gut

Mein erster Leitartikel in der FAZ! Seite 1 Das will ich Euch nicht vorenthalten

Seite 1!  Das will ich Euch nicht vorenthalten

Der 2018er lässt deutsche Winzer strahlen. Ob die Deutschen dadurch zu Weinpatrioten werden?

Die Natur hat es mit den deutschen Winzern in diesem Jahr besonders gut gemeint und ihren Wunschzettel vollständig abgearbeitet: eine frühe und schnelle Blüte, keine Spätfröste, kaum Ärger mit Schädlingen und Pflanzenkrankheiten, viel Wärme, viel Sonne, kaum Regen. Es ist ein Ausnahmejahrgang nach dem frühesten Start der Weinlese seit Beginn der Aufzeichnungen. Nun sind die Keller voll. So voll, dass in einigen Weingütern die Tanks und Fässer die Erntemenge kaum zu fassen vermochten. In diesem Herbst haben die deutschen Winzer fast ein Viertel mehr als im Mittel der zurückliegenden zehn Jahre geerntet.

Es ist der üppigste Jahrgang seit 1999. Vielleicht sogar der beste. Denn die Qualität der Trauben ist dank ausbleibender Fäulnis und dank des hohen Zuckergehalts in den Beeren herausragend. Nun sind die Kellermeister am Zug. Ob der zurückliegende Jahrhundertsommer auch Jahrhundertweine hervorgebracht hat, wird sich im Frühjahr zeigen. Vielleicht sogar erst im Herbst, wenn die trockenen Spitzenweine auf den Markt kommen. Hohe Mostgewichte sind in Zeiten des Klimawandels längst kein Ausweis besonderer Qualität. Der Trend in der Spitze geht zu finessenreichen Weinen, die bei moderatem Alkoholgehalt ein flüssiger Fingerabdruck ihrer Herkunft sind. Ob die 2018er das zum Ausdruck bringen, das wird sich erst erweisen, wenn sie im Glas sind. Längst zählen der Weinberg als Ursprung und der Erzeuger als Marke mehr als hohe Öchslegrade. Ein Qualitätsversprechen für trockene Weine soll künftig der Name von Einzellagen auf dem Flaschenetikett sein, nicht mehr ein am Mostgewicht orientiertes Weinprädikat wie Kabinett oder Spätlese.

Das ist Teil einer überfälligen Abwendung vom Weingesetz der siebziger Jahre, das Winzer wie Weintrinker auf den Zuckergehalt in der Beere fixiert und irritierende Verbrauchertäuschungen wie die Großlagen möglich gemacht hat. Doch ein Übermaß an Sonne und Wärme allein sind noch kein Qualitätsausweis: Die meisten der trockenen Weine des Jahrgangs 2003, der viele Klimarekorde hält, sind längst vergessen. Dennoch: Der Jahrgang 2018 lässt die Winzer strahlen und weckt bei den Kunden hohe Erwartungen. Sehr viel und sehr gut, das ist selten. Den deutschen Weinmarkt wird das aber kaum nachhaltig beeinflussen. Dort herrscht bei annähernd konstantem Konsum seit Jahrzehnten ein harter Verdrängungswettbewerb, der dadurch befeuert wird, dass die Deutschen – ganz im Gegensatz zu ihren Nachbarn in Frankreich und Italien – beim Weinkauf keinen ausgeprägten Patriotismus zeigen. Weniger als die Hälfte der in Deutschland gekauften Weinmenge entfällt auf die heimischen Erzeuger. Für den Kunden zählt hierzulande weniger die Qualität denn der Preis. Vier von fünf Flaschen deutschen Weins werden im Lebensmittelhandel einschließlich der Discounter gekauft. Etwa 2,60 Euro gibt der Deutsche für eine Flasche Wein aus heimischer Erzeugung aus. Das sind zwar ein paar Cent mehr als für Billigweine ausländischer Provenienz. Es ist aber nicht jenes Preissegment, das den deutschen Winzern langfristigen Erfolg verspricht. Wer nur 1,3 Prozent von weltweit mehr als 7,5 Millionen Hektar Rebfläche bewirtschaftet, dem sollte die Profilierung eigentlich leichtfallen. Zumal mit dem vergleichsweise exotischen Riesling als Leitrebsorte.

Dessen markante Säure und seine bisweilen verwirrende Geschmacksvielfalt beschränken ihn auf eine Nische, in der sich gut wirtschaften lassen könnte. Doch die Spanne reicht von den Höhen kostbarer Weltklasse-Weine bis in die Tiefen billiger Massenproduktion. Und im Einkaufsmarkt wird vor allem dann zu Riesling gegriffen, wenn er halbtrocken oder feinherb schmeckt und die Säure von Süße überdeckt wird. Nicht selten wählen die Kunden lieber gleich den Grauburgunder. Wohl dem Weingut, das seine auskömmliche Nische gefunden hat und nicht in den Konkurrenzkampf am Weinregal eintreten muss. Der Handel ist auf die in jüngerer Zeit deutlich gestiegene Qualität deutscher Weine immerhin aufmerksam geworden und stellt sie häufiger ins Regal.

Für eine zunehmende Zahl jüngerer Konsumenten ist Wein ein Lifestyle-Produkt. Etwa jeder dritte Deutsche gibt sich in Umfragen als regelmäßiger Weintrinker zu erkennen. Das Ansehen deutschen Weins hat im Hinblick auf Image und Qualität deutlich zugelegt, auch wenn die Zeiten nicht mehr zurückkehren werden, als ein Schloss Johannisberger Riesling das Mehrfache eines Chateau Margaux kostete. Dass deutscher Wein aber qualitativ die Konkurrenz nicht zu fürchten hat, das haben inzwischen auch Gelegenheitsgenießer begriffen.

Doch während die jüngeren Konsumenten am Weinregal häufiger zugreifen, gehen die Weineinkäufe der Senioren zurück. Das führte in Verbindung mit kleinen Ernten und hohen Preisen dazu, dass die deutschen Winzer zuletzt in einem zwar robusten, aber gesättigten Weinmarkt wieder an Boden verloren haben. Die hohe Qualität des aktuellen Jahrgangs wird nicht dazu führen, dass die Preise steigen. Im besten Fall könnte die reichhaltige Menge guter Tropfen helfen, den einen oder anderen Regalmeter im Supermarkt für deutschen Wein zurückzugewinnen.

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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