Erste Gewächse 2017

 2017 könnte der letzte Jahrgang der Ersten Gewächse gewesen sein, 2018 soll es ein „Rheingau.Großes Gewächs“ nach Vorbild der GGs aus „VDP.Großer Lage“ geben. Das kündigte Weinbaupräsident Peter Seyffardt am Rande der Ersten Gewächs-Präsentation im Festsaal des Rathauses Wiesbaden an, während direkt vor dem Rathaus die 43. Rheingauer Weinwoche ausklang. Doch bis zum „GG für alle“ sind noch einige rechtliche Fragen zu klären (und bitte mit einem Beschluss zur Abschaffung der 13g Zucker-Obergrenze, schon 9 Gramm sind häufig zu viel!)

Der diesjährige Termin mit einer Woche Abstand zur VDP-GG-Verkostung im Kurhaus kann auch als Eingeständnis gewertet werden, dass die direkt zeitliche und räumliche Nähe nicht die erhoffte Aufmerksamkeit der Weinfachjournalisten gebracht hat, die ohnehin nach Wiesbaden zur VDP-Probe anreisen. Insgesamt wurden von 24 Erzeugern 27 Rieslinge und ein einziger Spätburgunder vorgestellt. Das zeigt auch, dass für Pinot Noir diese EG-Kategorie von den Winzern selbst als überflüssig erachtet wird. Hier sind hohe Preise und guter Absatz auch ganz ohne Gütesiegel erzielbar. Abschaffen und volle Konzentration auf Riesling wäre die richtige Konsequenz. Aber vermutlich ist es wahrscheinlicher, dass irgendwann auch alle Burgunder-Sorten GG-tauglich sein sollen…, siehe die unglückseligen Beschlüsse zur Ausweitung der Landesweinprämierung… Doch zum Riesling.

Ich habe die Probe etwas homogener als in den Vorjahren erlebt. Es war weniger die grundsätzliche Qualität als die Stilistik, die teils sehr weit auseinander driftete und auch Fragen aufwarf. Ein Beispiel ist der holzbetonte Bischofsberg (86 Punkt) des Weinguts George. Das kann man genial finden, muss man aber nicht. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Mehrzahl der Weine 8 bis 9 Gramm Restzucker aufwiesen, was zwar zulässig, aber nicht immer empfehlenswert ist. Die größte Strahlkraft wiesen eindeutig jene EGs zwischen 4 und 6,5 Gramm Restzucker auf. Dort paarte sich Straffheit mit gutem Zug und Druck am Gaumen, feiner Frucht, guter Struktur, Nachhall und Präsenz. Mehrere Winzer hätten selbst gern trockenere Weine vorgestellt, doch die Natur wollte nicht so…. die Weine blieben stehen. Dann ist es allerdings richtig, der Natur ihren Lauf zu lassen und nicht mit der kellerwirtschaftlichen Peitsche die Gärung voranzutreiben.

Zwei „Extremisten“ hatte wieder der Hattenheimer Stefan Gerhard mit Wisselbrunnen (89) und Schützenhaus (88) vorgestellt. Beide fast durchgegoren, beide um die 14 Prozent Alkohol – fast ein bisschen zu viel der Ecken und Kanten im Mund, aber im positiven Sinne interessant. Die Frage der Lagerfähigkeit ist für mich noch nicht beantwortet… Die von mir organisierte Schoppentrophy ist in vielen Jahren übrigens schon fast ein Gradmesser für die Ersten Gewächse. Wenn den Lorcher Steillagen ein Jahrgang entgegenkommt, dann sind nicht nur schon im Frühjahr die Basisweine exzellent, sondern auch die Top-Weine im Spätsommer. Entsprechend rangierten daher auch hier Altenkirch und Mohr unter den Besten: dem Pfaffenwies von Jasper Bruysten (92) kommt zugute, dass die Weine aus dem Quarzit-Boden sich schneller zugänglich zeigen als der Schiefer-durchsetzte Bodental-Steinberg von Jochen Neher, Mohr, (91+), der in der Jugend nur schwer in die Gänge kommt, dann aber fast immer großes Potential entfaltet. Auch der Schlossberg von Laquai (90) gefiel mir gut, zeigt sich aber noch recht verhalten und verschlossen. Kläuserweg und Rothenberg sind zwei Geisenheimer Lagen, die nicht ausreichend geschätzt werden, obwohl sie ein sehr gutes Terroir für große Weine darstellen. Der Kläuserweg von Sohns (88+) kommt diesmal in der Jugend noch nicht an den Kläuserweg von Goldatzel (90) heran. Und weil der Bessere immer der Feind des sehr guten ist, muss sich der Kläuserweg von Groß dem Hasensprung aus dem eigenen Stall beugen (92+), das bedeutet den Fotofinish-Sieg von Goldatzel vor Altenkirch. Fast doppelt so viel Restzucker (11,2) hat der Hasensprung von Trenz (88), was der Präzision und Eleganz durchaus etwas abträglich war. Trenz selbst sieht den Wein als Langläufer und den Zucker als notwendigen Treibstoff. Wir hoffen, den Wein im Auge – am Gaumen – behalten zu können. Sehr eigenständig wie im Vorjahr wieder der geschliffene, markante Rothenberg von Schumann-Nägler… (90+), auch wenn sich hier die Geister im Rathaus schieden… ich fand ihn klasse.

Erfreulich, dass Schloss Schönborn diesmal deutlich stärkere Weine als im Vorjahr vorgestellt hat, der Nussbrunnen (89) zählt sicherlich zur erweiterten Spitze, ebenso der Siegelsberg von Crass (88+). Insgesamt taten sich die Güter 2017 im unteren Rheingau offenbar einfacher, Top-EG zu erzeugen als zwischen Hochheim und Winkel. Gewohnt solide zeigten sich Bausch, Himmel und Nikolai. Mit mehr Mut und weniger Restzucker wäre noch mehr drin… das trockene Jahr 2018 könnte die Verhältnisse im Rheingau vielleicht umdrehen, wenn wir 2019 die vielleicht ersten „Rheingau.Große Gewächse“ kosten. Persönlich bin ich im Hinblick auf den Jahrgang durchaus skeptisch… derart warme Jahre spiele dem Riesling eigentlich nicht in die Hände…

Veröffentlicht von Rheingauer Weinschmecker

FAZ-Korrespondent, Redakteur, Weinblogger, Rieslingfan, Rheingauer aus Leidenschaft

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